Der Feilenhauer von Weißdorf

In Weißdorf wohnte vor vielen Jahren ein Mann, der das Feilenhauen erlernt hatte. Später gab er seinen Beruf auf und widmeter sich nur noch dem Geisterbannen. Zu seiner Zeit waren für die Menschen Geister und Gespenster nichts Außergewöhnliches. Wenn jemand, den man nicht recht leiden mochte, starb, war nach der Meinung seiner Nachbarn sein Wiederkommen nach dem Tode so gut wie gewiss. Noch vor seinem Begräbnis fing in seinem Haus ein Poltergeist zu rumoren an, der das ganze Dorf in Atem hielt und in jeder Nacht einen anderen Schabernack trieb. In solchen Fällen konnte nur der alte Feilenhauer helfen. Er war ein langer, hagerer Mann in zerlumpten Kleidern, der, einen Ranzensack auf dem Rücken tragend, von Ort zu Ort zog. Von jung und alt gefürchtet erregte er überall Aufsehen. Wenn er in einer Schänke einkehrte herrschte dort bald Hochbetrieb. Vor allem hatten jedoch die Poltergeister großen Respekt vor dem Feilenhauer. Auf einen Wink kam selbst der übermütigste Dämon demütig herangeschlichen und kroch ohne zu mucksen in den vorgehaltenen Ranzen, in dem der Feilenhauer die Kobolde auf den Waldstein zu befördern pflegte. In dieser furchtbaren Einsamkeit mussten sie Ordnung und Manneszucht lernen. Wer nicht gehorchen wollte, wurde hart bestraft. Um ihre tödliche Langeweile zu mildern, erlaubte ihnen der Feilenhauer schließlich das Kartenspiel und fertigte ihnen eiserne Spielkarten an. Nun konnten die Geister und Kobolde auf dem Teufelstisch diesem Zeitvertreib huldigen. Noch heute kann man dort auf der Steinplatte die Eindrücke der eisernen Kartenblätter erkennen.